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125 Jahre - Festpredigt von Weihbischof Krätzl

Predigt von Weihbischof Helmut Krätzl bei der Festmesse des Mariazeller Prozessionsvereins Simmering anlässlich des 125 jährigen Bestehens am 24. Juli 2011 in Mariazell

© Radlmair
Bischof Helmut Krätzl betonte, dass eine Wallfahrt aus der sonstigen Enge des All­tags heraushebe.

Es ist gut, dass ihr von Simmering eine so alte Tradition aufrechterhaltet und doch immer wieder geistig neu füllen wollt. Wallfahren ist uralt, hat heue aber wieder eine Renais­sance erfahren, sogar für die Jugend, die sonst der Kirche eher fern steht. Wallfahrt an einen Ort wie Mariazell hebt einen heraus aus der sonstigen Enge des All­tags, weitet den Blick und öffnet das Herz für andere, für anderes.

1. Das offene Herz für die Not der anderen.

Wenn wir hier beten stehen wir in der endlosen Reihe von vielen Tausenden die vor uns gebetet haben und mit uns beten. Sie alle kamen in ihren Sorgen, Nöten und Leiden. Die Votivtafeln zeigen es. Wir sind also hier all diesen Leiden nahe. Vielleicht wird unser eigenes Leid im Blick auf das viel größere nebenan kleiner. Vielleicht stärkt uns in unse­rem Leid das beispielhafte Vertrauen auf Gott, das uns andere vorleben. Sicher aber öff­net uns das Gebet hier auch den Blick für das Leid in der Welt. Maria die Schmerzens­mutter ist Symbol für das unendliche Leid in der ganzen Welt. Sie will uns mahnen, die andere nicht zu vergessen. Jene in Norwegen in den furchtbaren Ereignissen der zwei letzten Tage, wo angeblich sogar christlicher Fundamentalismus zur Tat motivierte. Maria lässt uns nicht vergessen die vielen, die Hunger leiden und an Hunger sterben etwa in Soma­lia. Aber vielleicht erinnert sie uns auch an die unmittelbare Not gleich neben an: an den vereinsamten Nachbarn, die zu pflegenden Eltern, die vielen letzten Einsatz abverlangen.

Maria, wir sind nicht nur unsertwegen hierher gekommen. Zeige uns die Not der Welt und wie wir sie mittragen, vielleicht sogar lindern können.

2. Der weite Blick auf ganze Europa.

Hierher sind seit dem 12. Jahrhundert Wallfahrer aus ganz Europa gekommen, und ha­ben in so vielen Sprachen gebetet und gesungen. Die Völker aus den Kronländern. Zu Maria, der Königin von Ungarn sind sie gekommen, zur Mutter der Slawen. Man hat um Hilfe gegen gemeinsame Feinde gebetet, gegen die Türken, aber auch gegen Menschen anderer Religionen und Konfessionen. Zum rechten Gebet gehört auch die Bereitschaft, selbst umzukehren, sich wenn nötig zu ändern. Aber über alle Nationalität hinaus hat eine Wallfahrt hierher verbindend gewirkt. Ohne die eigene Heimat zu vergessen fühlte man sich hier in der noch größeren der Christen­heit.

Es war daher sehr eindrucksvoll, als 2004 hier der Mitteleuropäische Katholikentag ab gehalten, gefeiert wurde. Christen aus sieben Länden waren mit ihren Bischöfen hier. Und man freute sich mit jenen Nachbarländern, die gerade in die größer werden EU aufgenommen worden waren. Es ist gut zu erleben, dass uns nicht nur Wirtschaft und Finan­zen, die Sorge um den EURO verbindet, sondern das gemeinsame Erbe des Glaubens, ei­nes Glaubens, der Grundlage dafür ist, auch schwerste Differenzen zu überwinden. "Maria, lass uns Christen zu einem unersetzlichen Ferment eines Europas werden, das in immer größere Probleme schlittert. Es ist nicht entscheidend, ob Gott oder das christliche Erbe in einer EU-Verfassung steht, sondern wie sehr die Christen selbst die Geschichte Europas verantwortlich mit gestalten und im Geiste Christi leben.

3. Maria, die Mutter aller Christen

Das klingt widersprüchlich. Als Kind habe ich gehört, dass gerade die Marienfrömmigkeit uns Katholiken von den Protestanten unterscheidet. Das war nicht richtig, hat sich aber in den Ländern heftiger Gegenreformation als Unterscheidungsmerkmal herausgebildet. Daher war es für mich wie ein Wunder, als der ÖRKÖ 2007 im März zu einer Fachtagung über Maria nach Mariazell einlud. Man stand in der Vorbereitung der Dritten Europäi­schen Ökumenischen Versammlung in Sibiu. Wir Katholiken, auch Bischöfe wollten mitfahren. Aber gerade zur gleichen Zeit kam der Papst zum großen Jubiläum nach Mari­azeil. So kam es zu dieser wohl einmaligen Begegnung von 11 Kirchen des ÖRKÖ hier vor der Gnadenmutter.

Bei einer Vesper und einer Andacht durfte ich den Vorsitz führen. Bei der Ökumenischen Vesper am 18. März 2007 hielt der damalige Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche Helmut Nausner eine ergreifende Homilie über die Verkündigungsszene bei Lukas und tags darauf am 19. März hielt David Hamid von der anglikanischen Kirche eine Meditation über das Magnifikat. Ich habe bei der Begrüßung zu diesen Gottesdiensten gesagt: "Wenn wir Katholiken nach Mariazell pilgern, dann bleiben wir nicht bei Maria stehen, sondern lassen uns von ihr zu Jesus fuhren." Dorthin zeigt übrigens die Mariazellerstatue mit ausgestrecktem Finger ohnehin. Und ich freue mich, dass ihr in den Grundsätzen eures Prozessionsvereins gerade auch stehen habt, durch Maria zu Christus. Maria, führe uns immer deutlicher hin zu Christus. Du hast den geboren, durch den alle Trennungen aufgelöst werden sollten, zwischen Juden und Heiden, Mann und Frau, und noch mehr zwischen Christen verschiedener Konfessionen. Und wann immer wir Chris­ten in Europa eine führende Rolle spielen wollen, dann zu zeigen, wie Christus eint nicht trennt.

4. Otto Habsburg, und was die katholische Kirche von ihm lernen kann.

Auf seiner langen Abschiedsreise von Pöcking über München, Wien, Budapest bis Pannonhalma machte sein Sarg auch hier Station. Mariazell war ihm so viel wert: geschicht­lich, aber auch persönlich, wo er seine Jubiläen feierte.

Tags darauf hat Hubert Feichtlbauer in der Presse (12. 7.) geschrieben: Was die römisch-katholische Kirche von Otto Habsburg lernen könnte" nämlich, "dass man sich dem unumkehrbaren Wandel der Zeit anpasst." Otto war mit zwei Jahren Kronprinz, mit 49 verzichtete er auf alle Herrschaftsansprache, mit 67 ließ er sich demokratisch zum Abgeordneten ins EU-Parlament wählen. Die Kirche hat sich oft den Zeichen der Zeit angepasst, nicht dem Zeitgeist. Sie hat römische und hellenistische Kultur in ihre Organisation aufgenommen und Lebenselemente der Germanen und Slawen, sie hat die Kleider des Feudalismus, des Bürgertums und der Arbeiterbewegung übergestreift. Am schwersten aber scheint es der Kirche zu werden von autoritärer. Zentralistischer Herrschalt auf Kollegialität, Mitbe­stimmung, gemeinschaftliche Willensbildung umzusatteln." Aber hat die Kirche sich nicht gerade das am Konzil zum Ziel gesetzt? An das wollte wohl unter anderem auch die Pfarrerinitiative erinnern. Sie hat mit ihrem letzten "Aufruf zum Ungehorsam" so viel Staub aufgewirbelt. Nein, zu Ungehorsam darf man nicht aufrufen. Ich hätte eher gesagt: "Aufruf zu mehr Eigenverantwortung." Und doch lässt uns die 1. Lesung heute erneut über Gehorsam nachdenken. Im Gehorsam steckt das Wort horchen, hören. Als Gott den jungen Salomo zu Beginn seiner Herrschaft einen Wunsch äußern lässt, bittet dieser nicht um Reichtum, Macht, Sieg über die Feinde, sondern um ein "hörendes Herz, damit er das Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht." Dafür lobt ihn Gott. Gilt das nicht als oberstes Prinzip für alle, die Verantwortung tragen, leiten und rühren müssen, zuerst und immer wieder zu hören? Auf die vielen. In der Benediktusregel wird sogar gemahnt auch auf die Jungen zu hören. Das schmälert nicht die Autorität, sondern fördert sie, gibt ihr erst das notwendige Fundament, lässt richtig entscheiden. Wir sollten in der Kirche lernen, besser aufeinander zu hören, auch auf Kritiker. Wer weiß, durch wen allen der Geist Gottes heut spricht?

Von Maria lernen wir, dass sie den zunächst unbegreiflichen Auftrag nicht schweigend annimmt, sondern rückfragt. "Wie soll das geschehen?" "Der Heilige Geist wird über doch kommen und die Kraft des Allerhöchsten dich überschatten." Ja, so ist das Wort Gottes in ihr Fleisch geworden. Aber noch einmal erfuhr sie die so notwendige Herabkunft des Heiligen Geistes, als sie mit der Jüngergemeinde um ihn betete am Pfingstfest. Und der Geist Gottes kam in Zungen auf jeden herab. Der Geist spricht in vielen Sprachen, und schenkt doch gerade in der Verschiedenheit die lebensspendende Einheit.

Maria, erbitte uns allen ein hörendes Herz, dass wir die Not der anderen nicht überhören, ein hörendes Herz für das, was heute in unserem Land durch uns Christen bewegt werden soll. Erbitte uns den Heiligen Geist, der uns allen in der Kirche, vor allem den Letztve­rantwortlichen den Weg in die Zukunft erkennen und auch wagen lässt. Und bitte erneut mit uns um den Heiligen Geist und dass wir ihnen verstehen und wirken lassen. Dazu sind wir hergekommen. Das soll der tiefste Grund und die Frucht jeder Wallfahrt sein.

(red)

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